Ellen Bocquel, bocquel-news, vom 7. September 2017

Der Blick in die Glaskugel war unnötig, um die Zukunftsszenarien der Autoversicherung mit all ihren technischen Errungenschaften zu präsentieren. Hochkarätige Fachleute auf diesem Gebiet ließen sich während der K-Tagung 2017 in die Karten schauen - auch bei Schadeneinschätzung von Kfz-Terrorattacken.

„Kraftfahrt unter Strom – Digital und kein Zurück“ – ein geradezu elektrisierendes Reizthema für die einen, eine unabänderliche Zwischenmeldung auf dem Weg der Kfz-Versicherung in die Zukunft für die anderen. Dagegen Konsens bei den beiden langjährigen Partnern Scor Global P&C, und Meyerthole Siems Kohlruss; sie hatten wieder Spannendes während der K-Tagung 2017 zu bieten.

Einen Entwicklungssprung, der die Kfz-Versicherung grundlegend verändert, erwartet Onnen Siems in naher Zukunft. Der Geschäftsführer von Meyerthole Siems Kohlruss (MSK) eröffnete gemeinsam mit Helmut Söhler, Hauptbevollmächtigter der Scor Global P&C, die K-Tagung, die nun schon zum achten Mal Spitzen-Spezialisten und Top-Manager der K-Sparte aus Deutschland, aber auch die K-Experten aus den näheren europäischen Nachbarländern nach Köln lockte.

Onnen Siems ging noch einen Schritt weiter in seinem Zukunftsbild: „Ich sehe mehrere mögliche Akteure. Ein Kandidat sind die Startups mit ihren kreativen Ideen. Ein Szenario wäre eine Marktkonzentration bin hin zum ‚Duopol‘. Es wäre der Untergang der mittleren und kleinen Versicherer, an denen es besonders in Deutschland eine so reiche Kultur gibt, so dass am Ende nur Huk-Coburg und Allianz übrigbleiben würden. Sie wissen alle: Beide sind heute schon strategisch klar positioniert – und erfolgreich.“

Elektromobilität, Personenschäden, Internet of Things und Telematik

Helmut Söhler war sich da mit Onnen Siems einig: Die beinahe nüchtern klingen Begriffe Elektromobilität, Personenschäden, Internet of Things sowie Telematik vermögen auch nicht nur im Ansatz auf den ersten zeigen, welche grundlegenden Umwälzungen mit ihnen für das K-Geschäft verbunden sind. Die K-Tagungs-Teilnehmer erwarteten acht Vorträge von hochkarätigen Spezialisten, die Einblicke in die aktuellen Entwicklungen rund um die Autoversicherung gaben. Dem Plenum wurde ausführlich Zeit für Fragen und mögliche Prognosen gegeben.

Die Welt der Autos wird zunehmend smarter, elektrischer und selbstfahrender. Diese technologischen Veränderungen werden die Kraftfahrtversicherung selbstverständlich beeinflussen. Allerdings nicht so schnell, wie von manchen gedacht. Helmut Söhler ist davon überzeugt, dass die Kfz-Sparte in absehbarer Zeit keineswegs an Bedeutung für den deutschen Markt verlieren wird. Doch wenn der Wandel kommt, wird er einschneidend sein: „Die Kfz-Versicherung wird sich neu erfinden müssen", sagte Onnen Siems.

Aus aktuellem Anlass gewährten die Fachleute auch Einblicke in die Regulierung von Terrorschäden mit Toten und Verletzten durch Autos und größere Fahrzeuge. Über die „Reservierung von schweren Personengroßschäden“ und in einem Teilabschnitt über die Regulierung von Schäden durch Terroranschläge, an denen Autos/Fahrzeuge beteiligt waren sprachen die beiden Scor-Managerin Reka Fuchs, Claims Manager, und Nicole Hustig, Aktuarin DAV und Certified Enterprise Risk Actuary (CERA). Die Zahl der dramatischen Terrorattacken mit einem Fahrzeug häufte sich in den letzten eineinhalb Jahren. Kurz zusammengefasst:

  • 2016 Nizza: 87 Tote, 434 Verletzte – gemieteter Lkw;
  • 2016 Berlin: 12 Tote, 56 Verletzte – gestohlener Lkw, polnischer Speditionsfahrer wurde erschossen;
  • 2017 London (UK): 6 Tote, 49 Verletzte – SUV / Fahrzeug gemietet;
  • 2017 Stockholm (Schweden): 5 Tote, 14 Verletzte – Lkw einer schwedischen Brauerei wurde entführt;
  • 2017 London Bridge (UK): 11 Tote, 48 Verletzte – gemieteter Lieferwagen fuhr in Menschenmenge;
  • 2017 Barcelona (Spanien): 15 Tote; 131 Verletzte - gemieteter Lieferwagen fuhr in Menschenmenge.

Alle Fälle, das wurde während der K-Tagung klar, beinhalten hier höchst unterschiedliche Haftungsfragen. Man könne nicht – wie bei anderen Schäden – von einer möglichen Mischung aus Personen- und Sachschaden sprechen. Auf die Frage „Wie wird der endgültige Schaden aussehen“ gibt es auch nach Monaten keine abschließende oder gar richtungsweisende Antwort. Denn solche Schäden tangieren den Bereich des Aktuaritats genauso wie das Underwriting oder die Schadenabteilung.

Differenzierter muss man laut Olav Skowronnek von dem „Vehicle Raming AHack“ sprechen. Bisher handelte es sich unter anderem um „Autos als Bombe“, „Fahrzeuge gegen Gebäude“ und „Fahrzeuge gegen Menschen“. „Prädiktionsmodelle sind die Grundlage für die Beantwortung einer Vielzahl aktueller Fragestellungen in der Personenschadenregulierung“, sagte Olav Skowronnek, Geschäftsführer, Actineo GmbH. Eine ausreichende und qualitativ hochwertige Datenbasis ist für die Entwicklung der Modelle unerlässlich; diese kann nur im Zusammenspiel zwischen VR und Dienstleister geschaffen werden. Reserveprognosen werden mit den Modellen für einen Großteil der Schadensegmente möglich sein. Ebenso werden zukünftig automatisierte Bearbeitungsprozesse durch den Einsatz der von Prädiktionsmodellen unterstützt und das Risiko der Über- und Unterregulierung kann deutlich eingeschränkt werden.

In Deutschland gibt es keine einheitliche Reservierungsvorschrift oder -praktiken. Nicole Hustig und Reka Fuchs stellten daher die Frage: „Wie werden schwerste Personenschäden von deutschen Versicherern reserviert?". Dafür wurden die Ergebnisse einer internen Studie, die in 2016 / 2017 durchgeführt wurde, vorgestellt. Es wurde dabei deutlich, dass einerseits die Wahl der Parameter wie Zins, Sterbetafel und Vorsterblichkeit variieren kann, aber anderseits auch das Schadenmanagement oder die Regulierungspolitik Berücksichtigung finden muss. Darüber hinaus diskutieren sie aufgrund der jüngsten Ereignisse über die Haftung von "Vehicle Ramming Attacks" in Deutschland und Großbritannien.

Datensicherheit von vernetzten Kfz

Wolfram-F. Schultz, Global Practice Group Leader Heavy Industries & Manufacturing und Chief Underwriting Office Corporate Liability bei der Allianz Global Corporate & Specialty SE nahm die Datensicherheit von vernetzten Autos unter die Lupe. Das Ökosystems „Internet of Things“ (IoT) ist laut Schultz auf dem Weg sich zu einem allumfassenden „Universum“ zu entwickeln.

Somit könne die Datensicherheit von vernetzten Kfz nicht separiert betrachtet werden, da vernetzte Fahrzeuge nur einen kleinen Teil dieses wachsenden Universums darstellen. Wolfram-F. Schultz zeigte die grundsätzlichen Teilbereiche und Verbindungen auf und legte die daraus resultierenden Chancen sowie Risiken bei vernetzten Autos dar.

Haftung und Deckung bei automatisiertem Fahren und Cyber-Attacken

Dr. Stefan Segger, Partner, Ince & Co Germany, durchleuchtete die Tücken, die automatisiertes Fahren in sich birgt. Auch die Anfälligkeit von Cyber-Attacken zeigte er auf. Wer haftet künftig, wenn Fahrzeuge autonom fahren werden? Und wie kann man die Risiken versichern? Gastredner Rechtsanwalt Dr. Stefan Segger „spielte“ die verschiedenen Haftungsszenarien durch und nannte die Halterhaftung nach Paragraph (§) 7 Abs. 1 StVG als den Schlüssel, um die bei automatisiertem Fahren verbleibenden Restrisiken in Kauf zu nehmen.

Er rechne damit, dass die Fahrerhaftung künftig verschwinden werde, ohne dass die Kfz Versicherung damit überflüssig würde oder der Opferschutz herabgesetzt wird, machte er deutlich. „In der Schadenregulierung wird es künftig darauf ankommen, ein größeres Augenmerk auf Produktrückrufe und Serienschäden zu legen“, fügte er hinzu.

Aktuarielle Analyse von großen Telematikdatenmengen (Big Data)

Carina Götzen, Leitende Beraterin bei Meyerthole Siems Kohlruss, und Christoph Meurer, Abteilungsleitung Produktbereich Schaden/Unfall, Itzehoer Versicherungen, zogen schließlich nochmals zum Ende der Veranstaltung die volle Aufmerksamkeit auf ihre Präsentation „Aktuarielle Analyse von großen Telematikdatenmengen (Big Data)“ auf sich. In der Analyse hatten sie die Frage „Ist mit Telematik eine bessere Risikoselektion möglich oder ist Telematik doch nur ein ‚teurer‘ Hype der Branche“ detailliert untersucht. Das Ganze hatte die Itzehoer Versicherung initiiert und sich die fachkundige und aktuarielle Unterstützung der MSK-Frau Carina Götzen geholt.

Ein Ziel des Itzehoer Telematik Projektes ist es, hier Licht ins Dunkel bringen. Carina Götzen und Christoph Meurer berichten in ihrem Vortrag über die vielversprechenden Ergebnisse der gemeinsam von MSK, Itzehoer Versicherung und VM4K beauftragten Masterarbeit zur aktuariellen Analyse von großen Telematikdatenmengen.

Am Rande ging Christoph Meurer noch auf die Problematik der aktuellen Telematik-Tarife hierzulande ein, da sie nicht unumstritten ist. Gegenüber dem Branchen-Onlinemedium Versicherungswirtschaft-heute sagte Meurer explizit: „Es sind drei Aspekte, die Telematik für einen Versicherer interessant machen.“ Sie allein würden es wert sein, die Telematik weiter zu erforschen. Meurer: „Zum einen ist es das Thema Schadenmanagement und Assistance im Schadenfall. Ein Schaden ist für den Kunden immer eine Extremsituation. Wir als Versicherer möchten ihm helfen, möglichst schnell alles Notwendige in die Wege zu leiten. Hier gilt, je früher wir unterstützen können, desto besser für den Kunden.“

Der zweite Aspekt sieht Meurer in der Kundenbindung, da durch Telematik eine andere Art der Kommunikation mit dem Kunden möglich werde. Der Versicherer könne nicht nur im Schadenfall seine Qualitäten zeigen, sondern auch darüber hinaus nützliche Unterstützung bieten.

Auf drei Punkte kommt es an

„Der dritte Punkt ist dann die Tarifierung. Mit Hilfe der Telematik kann es möglich werden, fairer und risikogerechter zu tarifieren. Es werden nicht mehr Ersatzmerkmale wie Wohneigentum herangezogen, sondern das Fahrverhalten wird gewertet. Dieser Punkt fordert aber noch einiges an Forschung und Entwicklung“, sagte der Versicherungsmanager und ergänzte: „Aus diesem Grund haben wir als Itzehoer Versicherungen gemeinsam mit der aktuariellen Beratung Meyerthole Siems Kohlruss und dem Förderverein VM4K.de eine Masterarbeit in Auftrag gegeben. Die Arbeit zeigt auf, dass hier einiges an Potenzial vorhanden ist und weitere, tiefer gehende Analysen sinnvoll sind. Die Art der Prämienfindung könnte nicht nur fairer werden, sondern auch deutlich einfacher und schneller.“

Während der gesamten K-Tagung 2017 blieb den zahlreichen Gästen genügend Zeit zum Networking. Feststeht, so wurde versichert, dass es auch im nächsten Jahr wieder eine K-Tagung der beiden Partner Scor und MSK geben wird.

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