Philipp Krohn und Thiemo Heeg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 11. Februar 2020

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Der Wintersturm Sabine hat am Sonntag und Montag weite Teile des öffentlichen Lebens in Mitteleuropa beeinträchtigt. Der Fernverkehr der Bahnen, Fluggesellschaften und Fährverbindungen waren stark eingeschränkt. Im Süden Deutschlands galt in einigen Regionen noch am Montag die höchste Unwetterstufe. Schulen in Niedersachsen, Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und einigen westdeutschen Großstädten blieben geschlossen. Viele Eltern mussten Notbetreuungen in Anspruch nehmen, alternative Betreuungen organisieren, spontan von zu Hause aus arbeiten oder Kinder zur Arbeit mitnehmen. Umgefallene Bäume und herunterfliegende Dachziegel beschädigten Häuser.

Stürme, die Schäden in einem vergleichbaren Ausmaß wie Sabine auslösen, sind keine Seltenheit. Doch treten sie auch immer häufiger auf, wie man angesichts der Debatte über den Klimawandel schlussfolgern könnte? Die Versicherungswirtschaft rechnet damit, dass die Schäden nicht so hoch sind wie nach dem teuersten Wintersturm in Deutschland bislang: Kyrill hatte hierzulande Kosten von 3,3 Milliarden Euro verursacht, davon waren 2,4 Milliarden versichert.

Die Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss wagte sich schon am Montag mit einer Schätzung vor. "Sabine wird mit rund 600 Millionen Euro Schadensumme für die Versicherer ein mittelstarkes Ereignis, wie es alle drei bis vier Jahre vorkommt", sagte Geschäftsführer Onnen Siems. Der Branchenverband GDV hat vor neun Jahren mit dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung eine Studie erstellt und vor vier Jahren überarbeitet. Demnach werden Stürme in den kommenden Jahrzehnten intensiver und häufiger auftreten. Dabei könnten Schadensummen von 7 bis 8 Milliarden Euro auftreten. Durch die großen Schadengebiete können Stürme in Europa ähnlich hohe Einzelschäden wie Hurrikane bewirken, ergänzt der Rückversicherer Munich Re. Beim Blick auf die Schadenstatistik seit den siebziger Jahren fällt allerdings eines auf: "Wir machen keinen zunehmenden Trend auf der Schadenseite aus", sagte Ernst Rauch, Chefklimatologe des Konzerns, der F.A.Z.

Mit anderen Worten: Gewitterstürme nehmen durch die steigende Temperatur zu. Winterstürme, die ihre Energie aus Temperaturdifferenzen zwischen polaren und mittleren Breiten beziehen, zeigen dagegen keine auffälligen Änderungsmuster. "Der hohe Anteil an versicherten Schäden zeigt, dass es in Europa eine hohe Versicherungsdichte gibt", sagte Rauch. Das aber gilt weniger für die neueren Gefahren: Starkregen und Sturzfluten. Die Absicherung gegen Elementarschäden besitzen nur rund 40 Prozent der deutschen Haushalte. Hier gibt es Nachholbedarf.

Bahn und Flughäfen haben inzwischen viel Erfahrung mit Stürmen wie Sabine. An allen deutschen Flughäfen kam es zu Ausfällen. Die Deutsche Bahn hatte am Sonntagabend von 18 Uhr an den Betrieb im Fernverkehr eingestellt - aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Das war auch schon 2007 geschehen, als der Orkan Kyrill über Deutschland fegte. Züge endeten nun an großen Bahnhöfen. "Damit wurde größtenteils vermieden, dass Züge auf freier Strecke zum Stehen kamen", begründete der Konzern den Schritt. An 23 Bahnhöfen konnten Reisende in bereitgestellten Aufenthaltszügen unterkommen, wenn sie ihre Fahrt nicht mehr fortsetzen konnten. Diese Kapazitäten seien jedoch bei weitem nicht ausgenutzt worden.

Am Montagmorgen prüften Mitarbeiter der Deutschen Bahn durch Erkundungsfahrten Strecken auf Beschädigungen oder im Gleis liegende Bäume. Auch Hubschrauber kamen dabei zum Einsatz. Erst nach und nach startete der Fernverkehr wieder im regulären Fahrplan. Im Norden, Westen und Osten stabilisiere sich der Verkehr, sagte ein Konzernsprecher am Mittag. Ausgenommen davon seien Bayern und Baden-Württemberg, wo es noch stürmte. Einer der ersten ICEs, die den Verkehr auf der Strecke von München über Frankfurt nach Essen wiederaufnahmen, war komplett ausgebucht und hatte rund eineinviertel Stunden Verspätung.