Süddeutsche Zeitung, 13. Juni 2013, von Herbert Fromme und Jonas Tauber

Bis zu vier Milliarden Euro könnte die Flut für die Versicherungswirtschaft kosten. Den Großteil der Lasten tragen allerdings nicht die Anbieter, die die Schadensmeldungen der Kunden abwickeln, sondern Rückversicherer. Die Branche ist gut vorbereitet, selbst wenn das Hochwasser diesmal noch teurer wird als 2002.
Von Herbert Fromme und Jonas Tauber

Die Stimmung in der Versicherungswirtschaft kippt. Bis vor wenigen Tagen waren viele Gesellschaften und der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) der Ansicht, die Überschwemmungen des Jahres 2013 würden sie weniger kosten als die 1,8 Milliarden Euro, mit der die Flut des Jahres 2002 in Deutschland zu Buche schlug. Doch jetzt glauben mehr und mehr Versicherer, dass 2013 für sie teurer wird. "Wir rechnen mit 50 Millionen Euro Schaden", sagt Reinhold Schulte, Chef der Signal Iduna. 2002 waren es für das Unternehmen 32 Millionen.

"Wer einen Schaden hat, soll sich an unsere Agenturen wenden", sagt Schulte. "Die Vertreter können Schecks ausstellen. Wir haben deren Regulierungsvollmacht erhöht." Andere Versicherer agieren ähnlich, haben Hotlines für ratsuchende Geschädigte eingerichtet und sind mit Schadenschätzern vor Ort.

Alle Gesellschaften haben Sorge, wegen mangelhafter Schadenbearbeitung an den Pranger gestellt zu werden - oder mit zu großzügigen Regelungen die eigene Bilanz stärker als nötig zu belasten.

Mit ersten Peilungen über die Gesamtschäden wagen sich Berater und Ratingagenturen an die Öffentlichkeit. Das Kölner Unternehmen Meyerthole Siems Kohlruss, das Versicherer in mathematischen Fragen berät, schätzt den versicherten Gesamtschaden auf 2,5 Milliarden Euro, die Ratingagentur Fitch glaubt, die Versicherungsschäden könnten zwischen 2,5 und drei Milliarden Euro betragen. Der Rückversicherungsmakler Aon Benfield rechnet mit vier Milliarden.

"Bis das Wasser weg ist, ist es zu früh für eine seriöse Schätzung"

Alle diese Schätzungen werden wohl ganz grob stimmen, haben aber natürlich auch den Zweck, ihre Urheber in die Medien zu bringen. Die eigentlichen Experten sind die Rückversicherer - und die halten sich sehr zurück. "Bis das Wasser weg ist, ist es zu früh für eine seriöse Schätzung", sagt eine Sprecherin des Weltmarktführers Munich Re. Die größte Belastung stammt aus Zerstörungen an Gebäuden, die aber können erst nach dem Trocknen genau beziffert werden.

Die Munich Re weiß, wovon sie redet - denn bei ihr und ihren Konkurrenten landen die meisten Schäden aus ungewöhnlichen Großereignissen wie dieser Flut. Beispiel Signal Iduna: Das Unternehmen muss nur die ersten fünf Millionen Euro aus der gesamten Flutbelastung zahlen, den Rest tragen Rückversicherer. Bewahrheitet sich die Schätzung der Gesellschaft, wären das 45 Millionen Euro. Das ist nicht überraschend: Der Existenzzweck der Rückversicherer besteht genau darin, andere Versicherer gegen Katastrophenfolgen zu schützen. Dafür bekommen sie auch in den Jahren Beiträge, in denen wenig oder nichts passiert.

Gleichgültig, ob der versicherte Schaden 2,5 Milliarden Euro, vier Milliarden oder mehr betragen wird: Die Assekuranz wird die Belastung problemlos tragen können, auch wegen ihrer hohen Rückversicherung. Zur Größenordnung: In der Schadenversicherung nahm die Branche im vergangenen Jahr 58 Milliarden Euro ein und gab nur 44 Milliarden Euro für Schäden aus.

Justizminister beraten über Pflichtversicherung für Hochwasser

Ganz sicher ist aber, dass der versicherte Schaden weit unter dem volkswirtschaftlichen Schaden liegen wird. 2002 kostete die Flutkatastrophe die Wirtschaft elf Milliarden Euro, davon waren 1,8 Milliarden versichert, also nicht einmal ein Fünftel. Das Verhältnis wird 2013 nur unwesentlich besser sein.

Hier hat die Versicherungswirtschaft das eigentliche Problem. Denn trotz der Behauptung, sie könne dieses existenzielle Problem lösen und 99 Prozent der Gebäude seien versicherbar, klafft eine gewaltige Lücke zwischen Schaden und Erstattungen. Es droht wieder die Debatte um die bei der Versicherungswirtschaft verhasste Pflichtversicherung. Das Thema stand am Mittwochabend auf der Tagesordnung der Justizminister aus Bund und Ländern. Schon nach der Elbkatastrophe 2002 hatte es Überlegungen in Richtung einer obligatorischen Deckung gegeben. Die Assekuranz befürchtet, dass dann noch unvorsichtiger in Flussnähe gebaut wird und Schutzmaßnahmen unterbleiben.


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